Meine beiden Oratorien haben ja die Geschichten von Nazim Hikmet und Metin Altiok erzählt. Das sind großartige Dichter, die beide aus politischen Gründen größte Schwierigkeiten in der Türkei gehabt haben. Nazim musste das Land verlassen und Altiok wurde von Islamisten ermordet. / Der türkische Musiker Fazil Say, Südkurier
9. Februar 2010
48. Brief an die Kanzlerin
Bereits zur Buchmesse durfte Liao Yiwu nicht ausreisen, jetzt wird ihm der Besuch der “lit.Cologne” in Köln verwehrt. Der Frankfurter Fischer Verlag hat den Offenen Brief des chinesischen Schriftstellers an Angela Merkel weitergeleitet.
Liao Yiwu appelliert darin an die Bundeskanzlerin, ihren Einfluss geltend zu machen. “Lassen Sie es nicht zu, dass die Literatur erneut von der Macht gedemütigt wird”, schreibt Liao in einem am Montag bekanntgewordenen
Offenen Brief. “Sie sind deutsche Kanzlerin und Sie wissen aus eigener Erfahrung, was Diktatur bedeutet”, schreibt der 50-jährige. …
Liao steht auf der schwarzen Liste, weil er 1989 nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung in China das Gedicht “Massaker” publiziert hatte. Dafür saß der Dissent vier Jahre lang in Haft. / hr 8.2.
8. Februar 2010
47. Leere Fläche
Eßlingen ehrt Kurt Leonhard, und die Eßlinger Zeitung bleibt am Ball. Hier zum Dritten:
An Beispielen aus der Lyrik Leonhards wies Ringleben nach, wie der erklärte Agnostiker die Spur des göttlichen Logos – der Sinnhaftigkeit des platonischen Kosmos – im Werden der Sprache gewahrt. Nicht weniger als die Kunst sieht sich die Lyrik der heilig-leeren Fläche konfrontiert, die sie im Nachbuchstabieren der (Sprach-)Schöpfung mit deren göttlichem Geheimnis füllt.
46. Nach dem Schwabenkrieg
Nach dem Schwabenkrieg hat sich die Schweiz von Deutschland losgesagt und eine eigene Identität entwickelt, zum Beispiel in Bezug auf die Sprache. Dennoch: Dass in Schweizer Grossunternehmen immer mehr Deutsche tätig sind, die schneller reden und wortgewandter sind als wir, verunsichert viele Schweizer. Nein, ich habe nichts gegen deutsche Einwanderer. Aber es stellt sich wie oftmals die Frage nach dem gesunden Mass. …
Goethe und Schiller hätten aber nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, was der deutsche Staat jetzt tut. / SVP-Nationalrat Hans Fehr, Zürcher Unterländer 8.2.
Literatur:
Gustav Schwab: Der Bodensee nebst dem Rheinthale von St. Luziensteig bis Rheinegg: Handbuch für Reisende und Freunde der Natur, Geschichte und Poesie. Cotta 1827 (Pdf zum freien Download)
«So klären wir die Deutschen auf» heißt die Überschrift jenes Schweizer Populisten. Nagut, wir klären zurück. Goethe brach bekanntlich überstürzt von Frankfurt auf, angeblich um nach Italien zu reisen. Er kam aber nur bis Zürich. Wozu wohl?! Worauf wohl spielt diese Passage aus seinem Zürcherseegedicht an: “Und im See bespiegelt / sich die reifende Frucht”?! Warum kommt unmittelbar davor zweimal das Wort “gold” vor?!
Lassen wir ihnen “ihre” Klassiker. Kontern wir mit dem deutschen Klassiker Bertolt Brecht: “Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?”
45. Max Bense 100
Max Bense, der Stuttgarter Philosoph und Wissenschaftstheoretiker, dessen Geburtstag sich am 7. Februar zum hundertsten Male jährt, galt zu Lebzeiten als das Enfant terrible seiner Zeit. Nach einer offenen Gesellschaft strebend, bekämpfte er die »metaphysische Gemütlichkeit« der Deutschen.
Mit Elisabeth Walther gründete er 1955 die Zeitschrift augenblick, in der er dem deutschen Nivellement das »Zeichen eines neuen Seins« entgegensetzte. Seine Schlagworte sind Polemik und Opposition, sein Leitbegriff lautete »Experiment«, der sich rasch auch als Richtschnur einer neuen Dichtkunst erwies. / Ludwig Harig, Die Zeit
Max Bense: Ausgewählte Schriften
Herausgegeben von Elisabeth Walther
Band 1: Philosophie, eingeleitet von Elisabeth Walther, XL + 419 S.
Band 2: Philosophie der Mathematik, Naturwissenschaft und Technik, mit einem Vorwort von Elisabeth Emter, XXIV + 486 S.
Band 3: Ästhetik und Texttheorie, mit einem Vorwort von Helmut Kreuzer, XXX + 469 S.
Band 4: Poetische Texte, mit einem Vorwort von Friederike Roth
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart
44. Anfang
Im Februar 1930 druckte die Chemnitzer sozialdemokratische Tageszeitung “Volksstimme” ein Gedicht mit dem Titel “Nie wieder Krieg!”. Verfasser: Helmut Flieg, 16 Jahre, Gymnasiast, Sohn einer deutsch-jüdischen Unternehmerfamilie. Die Verse gelten heute als die früheste Veröffentlichung des später international erfolgreichen Schriftstellers und Chemnitzer Ehrenbürgers Stefan Heym (1913-2001). / Joerg Vieweg, Onlinepresse.info
43. Eva Strittmatter zum 80.
Gehörte ich als Berliner Student zu denen, die in der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“ die ersten dort gedruckten Gedichte der Strittmatter nicht nur mit glühenden Ohren lasen, sondern sie auch mit Durchschlägen abtippten, mit ihnen Freunde zu erfreuen, bekam diese frühe Begeisterung einen Dämpfer, als ich der Bewunderten, unter freilich besonderen Umständen, leibhaftig begegnete.
Man schrieb August 1973, als (Ost-) Berlin im Zeichen der Weltfestspiele der Jugend und Studenten stand. Zu den Gästen eines in der Kunsthochschule Weißensee flugs eingerichteten internationalen Literaturklubs gehörten Erich Arendt, Günter Kunert und Eva Strittmatter. Jeder dieses erlesenen Dreigestirns las eigene Gedichte und ein Gedicht eines anderen, von ihm besonders geschätzten Dichters. Während Arendt auf Saint John-Perse hinwies und Kunert César Vallejos eindringliches Gedicht über „Die Spinne“, die „vielbeinige Wegfahrerin“ las, kann ich mich an Eva Strittmatters Draufgabe leider nicht mehr erinnern.
Wie heute aber weiß ich noch, wie ich, ganz vorlauter Student, das Wort an sie richtete. Ich bekannte mich als einer, der ihre Gedichte geradezu missionarisch verbreitet hatte, dann aber, mit Erscheinen ihres ersten Bandes „Ich mach ein Lied aus Stille“ irritiert feststellte, mit wie wenig formaler Vielfalt sie auskam. Ob sie künftig ein breiteres Spektrum anstrebe? Was die da schon Berühmte, nach tiefem Luftholen, mir lakonisch erwiderte, blies mich von der Lichtung: Was ich denn wolle. Sie habe eine Auflage von zigtausend Exemplaren.
Natürlich habe ich mir über die Jahre die meisten ihrer Bücher trotzdem gekauft und durchschnauft. Nur Teil ihrer bekennenden Gemeinde mochte ich nicht mehr sein. Sei’s drum. / Richard Pietraß, Tagesspiegel 8.2.
Mehr: ND 8.2. (Herrmann Kant) / Märkische Allgemeine / Thüringer Allgemeine / Thüringische Landeszeitung (Frank Quilitzsch) / Nordkurier / Freie Presse /
7. Februar 2010
42. Meine Anthologie: Walasse Ting
Der chinesisch-amerikanische Künstler Walasse Ting wurde 1929 in China geboren. Er wuchs in Shanghai auf, 1946 verließ er China, über Hongkong kam er 1952 nach Paris. Auf der Überfahrt, heißt es, lernte er Englisch. In Paris kam er in Kontakt mit Mitgliedern der Künstlergruppe COBRA wie dem Dänen Asger Jorn. Lange teilte er sein Leben und Schaffen zwischen New York und den Niederlanden. Im Jahre 2002 erlitt er eine Hirnblutung und kann seitdem nicht mehr arbeiten.
Vor einigen Jahren konnte ich auf einer Antiquariatsmesse einen Gedichtband erwerben, der 1967 in New York erschien:
Chinese moonlight. 63 poems by 33 poets. Hrsg. und aus dem Chinesischen ins Englische übersetzt von Walasse Ting. Mit 4 Siegeln und 4 doppelseitigen Farblithographien von Walasse Ting. New York, Wittenborn, [1967].
Streng genommen scheint es sich gar nicht um Gedichte von Walasse Ting zu handeln, sondern um Übersetzungen klassischer chinesischer Gedichte, u.a. von Li Po (Li Bai), Po Chu Yi (Po Chü-I), Wang Wei, Su Shih, Chuangtse, Lu Yu, Tu Mu, Tu Fu, Mung Hao Jan u.a. Es sind allerdings sehr eigen-artige Übersetzungen. Das Übersetzen aus dem Chinesischen, heißt es im Vorwort, sei eine besondere Herausforderung. Wie solle man das sich windende Zeichen für Drachen übersetzen? Selbst noch in der neueren Version des Zeichens könne man den Drachen sehen, deutlicher noch in den ältesten Versionen. (Hier bei Wikipedia)
Das chinesische Ideogramm funktioniere auf mehreren Ebenen. Der Dichter benutze direkte, aber auch übertragene Bilder, kombiniert mit raffinierten Reimmustern. So entstehe eine Art literarischer Morsecode, und nur wenn man den kenne, könne man die Mitteilung ganz verstehen. Es sei den Chinesen besonders wichtig, den Dichter voll zu verstehen, aber auf paradoxe Weise, ohne Worte. Der Charakter dieser Sprache weise auf etwas Unausgesprochenes, die verschwiegene Ebene des Gefühls, und sie erreiche ihr Ziel, indem sie zugleich bildlich und wörtlich vorgehe.
Für mich besonders spannend: Walasse Ting übersetzt die alten Chinesen fast genauso, wie es Rainer Kirsch forderte (vgl. L&Poe 2010 Feb #16. Meine Anthologie: Fremdartig). Er übersetzt oft ganz Wort für Wort. Das geht im Englischen besser als im Deutschen – es entsteht eine Art Pidgin English, vereinfacht, aber voll verständlich. Li Bais Gedicht “Nachtgedanken”, von dem ich in jenem Eintrag eine Wortfürwortübersetzung und mehrere Versionen der ersten Zeile mitteilte, geht bei Walasse Ting so:
Moonlight near foot of bed
Like frost on ground
Lifting head gaze round moon
Dream of home
Walasse Ting sagt über seine Übersetzungsmethode: “Ich behalte den ursprünglichen Gedanken, manchmal verwende ich andere Wörter, um den Gedanken deutlich zu machen. Ich benutze das Englische wie Chinesisch”.
Hier zwei Gedichte von Li Bai in Walasse Tings Version:
Resentment
Little lady not eat candy
Don’t want go to movie
Sit in dark room
Alone
——————————
Large Bed
She smells like garden
Flower gone, my bed too large
Already three years
Fragrance not gone
She not return
Bed still too large
(Muß ich betonen, daß ich diese Gedichte liebe?)
41. Jan Wagner ausgezeichnet
Am Sonntag wurde im Hamburger Thalia Theater der Lessing-Preis an Klaus Harpprecht vergeben.
Das Stipendium des Lessing-Preises 2009 erhielt der 1971 in Hamburg geborene Schriftsteller Jan Wagner. Er gehöre zu den begabtesten jüngeren Lyrikern in Deutschland, arbeite mit professioneller Ernsthaftigkeit, beherrsche souverän die Formen der Lyrik und zeige dabei große Sensibilität und tiefen Humanismus, begründete die Jury ihre Entscheidung. / ad-hoc.news.de
40. Nach dem Geschichtsbruch
Der Literatur- und Politikwissenschaftler Thomas Wild, Jahrgang 1973, hat nun … zum ersten Mal systematisch untersucht, welches enge Verhältnis namhafte deutschsprachige Schriftsteller der nachgeborenen Generation zu [Hannah] Arendt unterhielten. In einer Folge von ausgezeichnet lesbaren Einzelessays beschäftigt er sich mit Hilde Domin und ihren Gedichten. Er erklärt, wieso Arendt Uwe Johnsons „Jahrestage“ für ein „Meisterwerk“ über das Verhältnis theoretischer und literarischer Darstellungsformen hielt und wieso sie Ingeborg Bachmann als ideale Übersetzerin für Eichmann in Jerusalem empfand. Und er widmet sich Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ sowie Hans Magnus Enzensbergers Hinwendung zu Arendt in dem Moment, als jener von Adorno nichts mehr wissen wollte. / Tagesspiegel 7.2.
Thomas Wild:
Nach dem Geschichtsbruch. Deutsche Schriftsteller um Hannah Arendt. Matthes & Seitz,
Berlin 2009.
288 Seiten, 29,90 €.
Außerdem über
Christophe Fricker: Larkin Terminal. Von fremden Ländern und Menschen. Ploettner Verlag, Leipzig 2009. 144 Seiten, 14,90 €.